Der Streit um GEO verdeckt ein Organisationsproblem

Von Kai Spriestersbach am

Während die Branche über den richtigen Namen streitet, bleiben in Unternehmen konkrete Aufgaben liegen. Wer prüft falsche Empfehlungen? Wer korrigiert veraltete Produktangaben? Und wer entscheidet, welche Maßnahme das Budget verdient?

Eine Geschäftsführerin will wissen, warum ihr Unternehmen in den Empfehlungen von ChatGPT fehlt. Das SEO-Team zeigt gute Rankings. Die PR-Abteilung verweist auf erfolgreiche Berichterstattung. Der Vertrieb sagt, Interessenten hätten ohnehin ein falsches Bild vom Angebot.

Alle drei können recht haben. Gelöst ist das Problem damit noch nicht.

Die fachlichen Grundlagen habe ich in „GEO oder SEO: Was ändert sich wirklich?“ eingeordnet. SEO bleibt für auffindbare Webinhalte wichtig, GEO erweitert den Blick auf Quellen, Nennungen und Empfehlungen. Hier interessiert mich die Konsequenz für Unternehmen: Wer übernimmt die Arbeit, die zwischen den bestehenden Zuständigkeiten liegt?

Die Begriffsdebatte wird spätestens dann teuer, wenn sie diese Frage verdeckt. Ein neues Budget entsteht schnell. Ein gemeinsam verantworteter Prozess entsteht dadurch noch nicht.

Ein neuer Name kann eine Aufgabe sichtbar machen

Ich verstehe, warum Unternehmen ein GEO-Projekt ausschreiben. Der Begriff signalisiert, dass sie eine Veränderung ernst nehmen. Er kann Zugang zu Verantwortlichen schaffen, die SEO bisher ausschließlich mit technischen Websiteaufgaben verbunden haben.

Diese Tür ist nützlich. Dahinter muss aber eine konkrete Aufgabe liegen. Googles aktuelle Dokumentation beschreibt die generativen Suchfunktionen als auf Suchindex und bestehenden Rankingsystemen aufbauend. 1 Wer seine technischen Grundlagen vernachlässigt, kann sie durch eine umbenannte Maßnahme nicht ersetzen.

Gleichzeitig reicht es organisatorisch nicht, jede neue Frage kommentarlos ins bestehende SEO-Ticket zu schieben. Wenn ein Assistent falsche Produktgrenzen nennt, fehlen dem SEO-Team möglicherweise das Fachwissen, die Befugnis oder der Zugang zur zuständigen Redaktion eines Drittanbieters. Ein Rankingbericht beantwortet dann nur einen Teil der Frage.

Deshalb würde ich die Arbeit nach dem beobachteten Problem aufteilen. Der Name des Projekts kann bleiben. Die Verantwortlichkeiten müssen präziser werden.

Vier Befunde und vier unterschiedliche Arbeitsaufträge

Nehmen wir einen fiktiven Hersteller industrieller Pumpen. Er möchte bei der Auswahl für bestimmte Fördermedien und Einsatzbedingungen berücksichtigt werden. Sein Team prüft wiederholt passende Fragen und untersucht die Angaben in den Antworten.

Im ersten Fall fehlt ein aktuelles Datenblatt, weil es nur hinter einem Login verfügbar ist. Jetzt braucht es eine Entscheidung über öffentlich bereitstellbare Produktinformationen und ihre technische Auslieferung. Produktmanagement und Webentwicklung sind gefragt. Ein zusätzliches Monitoring löst die Zugriffshürde nicht.

Im zweiten Fall ist das Datenblatt erreichbar, beschreibt eine wichtige Einsatzgrenze aber missverständlich. Die Fachabteilung muss die Aussage korrigieren, die Redaktion sie verständlich darstellen. Das ist ein Informationsproblem. Wie sich die Korrektur auf spätere Antworten auswirkt, wird anschließend geprüft.

Im dritten Fall nennt eine häufig zitierte Vergleichsseite ein altes Modell und überholte Eigenschaften. Hier geht es um eine sachliche Aktualisierungsanfrage an die Redaktion, mit belastbaren Unterlagen. Die Kommunikation kann das koordinieren. Die Entscheidung über eine Änderung bleibt beim unabhängigen Herausgeber.

Im vierten Fall sind die Angaben korrekt, das eigene Produkt passt aber nicht zu den Anforderungen. Dann wäre eine häufigere Empfehlung gar kein vernünftiges Ziel. Die Untersuchung liefert stattdessen einen Hinweis für Positionierung, Produktentwicklung oder die Auswahl anderer Kundensegmente.

Alle vier Fälle könnten in einem unscharfen Dashboard als „zu geringe KI-Sichtbarkeit“ erscheinen. Ihr Lösungsweg und ihr wirtschaftlicher Sinn unterscheiden sich erheblich.

Ein gemeinsamer Bericht muss die nächste Entscheidung ermöglichen

Ich würde für ein begrenztes Handlungsfeld eine verantwortliche Person benennen. Sie muss nicht jede Aufgabe selbst erledigen. Sie muss dafür sorgen, dass aus einer Beobachtung eine prüfbare Fragestellung und daraus ein Arbeitsauftrag wird.

Für jeden Befund werden die zugrunde liegende Antwort, die verwendeten Quellen und die bekannten Fakten gesichert. Dazu kommen eine plausible Erklärung, mögliche Alternativerklärungen, die nächste Maßnahme, ein Verantwortlicher und ein Termin für die Nachprüfung. Ein vermuteter Zusammenhang wird als Vermutung gekennzeichnet.

Im Pumpenbeispiel könnte der Auftrag lauten: Produktmanagement prüft die missverständliche Einsatzgrenze, die Redaktion überarbeitet die betroffene Seite, die Entwicklung stellt die neue Version technisch bereit. Danach kontrolliert das Team zunächst die tatsächliche Veröffentlichung und wiederholt anschließend die dokumentierten Abfragen.

Diese Reihenfolge ist wichtig. Sonst diskutiert die nächste Runde über schwankende Antworten, obwohl die geplante Änderung noch gar nicht online ist. Ebenso muss sichtbar bleiben, wenn ein Modell oder eine Oberfläche zwischen zwei Messungen gewechselt hat.

Die ausführlichere methodische Begründung steht in meinem Beitrag „Warum GEO wissenschaftlicher arbeiten muss“. Für die Zusammenarbeit im Unternehmen folgt daraus eine praktische Pflicht: Ergebnisse müssen so dokumentiert sein, dass eine andere Person den Befund nachvollziehen kann.

Ein Budget darf dieselbe Arbeit nicht zweimal kaufen

Vor einem zusätzlichen GEO-Mandat würde ich den bestehenden Leistungsumfang prüfen. Technische Zugänglichkeit, die Korrektur veralteter Produktinformationen und eine verständliche Angebotsdarstellung könnten bereits vereinbart sein. Das bedeutet nicht, dass sie kostenlos sind. Es bedeutet, dass eine zweite Rechnung einen zusätzlichen Auftrag braucht.

Dieser Zusatz könnte ein neues Untersuchungsdesign, die Analyse ausgewählter KI-Antworten, die Prüfung relevanter Drittquellen oder die bereichsübergreifende Priorisierung sein. Umfang und Ergebnis sollten konkret beschrieben werden. „Wir machen Ihre Marke KI-ready“ beantwortet weder, was geliefert wird, noch wann die Leistung abgeschlossen ist.

Ich würde außerdem zwischen Analyse, Umsetzung und laufender Beobachtung unterscheiden. Ein Team kann eine gute Standortbestimmung benötigen, ohne sofort einen dauerhaften Monitoringvertrag zu brauchen. Umgekehrt bleibt eine Analyse wirkungslos, wenn niemand Zeit oder Zuständigkeit für die anschließenden Änderungen hat.

Die Geschäftsführung oder Marketingleitung entscheidet über Prioritäten und Ressourcen. Fachbereiche liefern die gesicherten Informationen. Die jeweils zuständigen Teams setzen um. Beratung kann diese Arbeit verbinden und Annahmen prüfen, aber fehlende interne Entscheidungen nicht durch weitere Folien ersetzen.

Wissenschaftliche Herkunft ersetzt keine Leistungsprüfung

GEO hat auch eine wissenschaftliche Begriffsgeschichte. Die 2024 bei KDD veröffentlichte Arbeit „GEO: Generative Engine Optimization“ untersucht die Sichtbarkeit von Quellen in generierten Antworten und berichtet unter bestimmten Versuchsbedingungen Verbesserungen von bis zu 40 Prozent. Die Effekte unterscheiden sich nach Themengebiet. 2

Das macht die Forschungsfrage relevant. Es validiert nicht automatisch einen aktuellen Dienstleistungskatalog. Ein Anbieter, der sich auf diese Studie beruft, sollte erklären, welche ihrer Bedingungen im Kundenprojekt überhaupt erfüllt sind und welche Zielgröße er tatsächlich verbessern will.

Für die Beauftragung würde ich deshalb konkrete Fragen stellen: Welche Beobachtung begründet diese Maßnahme? Welche Daten fehlen? Wie soll der Effekt geprüft werden? Und was passiert, wenn der erwartete Nutzen ausbleibt?

Ein fester Monatsbericht ist noch keine gute Antwort. Wenn darin nur ein selbst definierter Score steigt, während seine Berechnung und sein Bezug zum Kundengeschäft unklar bleiben, ist die zentrale Frage weiterhin offen.

Eine funktionierende Zusammenarbeit überlebt das nächste Kürzel

In unserem Buch „SEO für KI“ verbinden Stefan Gehle und ich die fachlichen Grundlagen mit dieser organisatorischen Sicht. Wer KI-Suche ernst nimmt, braucht Zugriff auf Produktwissen, nachvollziehbare Quellenarbeit und eine Messung, deren Grenzen im Team verstanden werden.

Dafür kann GEO ein nützlicher Name sein. Er erleichtert die Arbeit aber nur, wenn anschließend klar ist, wer welche Entscheidung trifft. Ob das zuständige Team später SEO, Search oder Digital Visibility heißt, ändert am Auftrag wenig.

Wenn ihr diese Aufgaben zwischen Agentur, Redaktion, Produkt und Vertrieb klären möchtet, ist meine SEO/GEO-Strategieberatung dafür gedacht. Wir grenzen das Handlungsfeld ab und verbinden Maßnahmen, Zuständigkeiten und Nachprüfung. So lässt sich beurteilen, welche zusätzliche Arbeit ihr tatsächlich braucht.

Quellen

  1. Google Search Central · Optimizing your website for generative AI features on Google Search ↩︎
  2. Pranjal Aggarwal und weitere Autoren · GEO: Generative Engine Optimization · KDD 2024, arXiv-Fassung vom 28. Juni 2024 ↩︎

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Kai Spriestersbach

Geschrieben von

Ich bin Kai Spriestersbach, M.Sc. in Web Science. Ich verbinde Forschung zu generativer KI mit Erfahrung als Head of AI, technischer Entwicklung und unternehmerischer Praxis.

Mit AFAIK unterstütze ich Unternehmen und Investoren bei KI-Strategie, der Prüfung technischer und wirtschaftlicher Annahmen sowie vereinbarter Entwicklung. Auf AFAIK teile ich wissenschaftliche Quellen, technische Erfahrungen und nachvollziehbare Einschätzungen – mit ihren Möglichkeiten, Grenzen und offenen Fragen.

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