Faktor 5: Googles ATLAS-Studie und Anthropics Economic Index messen dasselbe – und liegen um das Fünffache auseinander

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Die Zahl, die es aus Googles ATLAS-Report in jede Schlagzeile geschafft hat, lautet: weniger als zehn Prozent vollständige Automatisierung. Daraus wurde in der Berichterstattung binnen Tagen die Beruhigungsformel, KI unterstütze, ersetze aber keine Arbeitsplätze.

Anthropic misst mit vergleichbarer Methodik dasselbe Konzept und kommt auf 48,62 %.

Das ist keine Randnotiz. Es ist der empirische Beleg dafür, dass die beruhigendste Zahl der Studie keine Eigenschaft der Welt beschreibt, sondern eine Eigenschaft eines Klassifikators und einer Nutzerbasis.

Was hier eigentlich verglichen wird

Zwei Datensätze, beide auf realen Interaktionen statt auf Befragungen, beide an dieselben US-Klassifikationen SOC und O*NET angedockt, beide aus dem Frühjahr 2026.

Googles ATLAS v1.0 wertet 14.653.926 Interaktionen aus zwei Wochen im April aus, gezogen aus Gemini App, AI Mode und Gemini API. Anthropics Economic Index beruht auf beobachteter Claude-Nutzung in Chat und Cowork, Stand Mai 2026, mit 121 Ländern im veröffentlichten Länderindex und 718 von 923 erfassten Berufen oberhalb der Datenschutzschwelle.

Bevor irgendeine Zahl nebeneinandersteht, gehören die Vorbehalte auf den Tisch – sonst begeht dieser Text genau den Fehler, den er beschreibt.

Die Populationen sind verschieden. Claude ist entwickler- und professional-lastig; Gemini deckt mit dem AI Mode einen Massensuchkanal ab, für den es bei Anthropic keine Entsprechung gibt. Die Definitionen sind teilweise verschieden, dazu gleich mehr. Und beide Datensätze sind Momentaufnahmen ohne Zeitreihe. Was folgt, ist eine Gegenüberstellung von Konstrukten, kein Nachweis, dass eine Seite falsch rechnet.

Gerade deshalb ist das Ergebnis interessant. Denn an manchen Stellen laufen die Zahlen weit auseinander – und an anderen replizieren sie fast perfekt.

Der Faktor 5

Balkendiagramm zum Anteil vollständiger Automatisierung an arbeitsbezogenen KI-Interaktionen. Google ATLAS v1.0 kommt auf unter 10 Prozent, intern aufgeteilt in 6,5 Prozent bei nicht-routinemäßigen und 26,9 Prozent bei routinemäßigen kognitiven Aufgaben. Der Anthropic Economic Index kommt auf 48,62 Prozent, die restlichen 51,38 Prozent entfallen auf Augmentation.
Automatisierungsanteil im Vergleich – Google ATLAS und Anthropic Economic Index: Beide Anbieter messen die vollständige Delegation an die KI – und liegen um das Fünffache auseinander. Die Definitionen sind nicht deckungsgleich: Google klassifiziert die vermutete Absicht, Anthropic den Konversationsstil. Erhebung April bzw. Mai 2026.

Googles 6,5 % für nicht-routinemäßige kognitive Aufgaben und 26,9 % für routinemäßige kognitive Aufgaben stehen gegen einen Anthropic-Wert von 48,62 %, dem 51,38 % „augmentation“ gegenüberstehen.

Der Unterschied steckt in der Operationalisierung. Anthropic definiert „automation“ als Konversationsstil: Die Person lässt das Modell die Aufgabe erledigen, statt beteiligt zu bleiben. Google klassifiziert die vermutete Absicht, eine Tätigkeit vollständig abzugeben. Das klingt ähnlich und ist es nicht. Anthropics Schwelle liegt dort, wo jemand delegiert; Googles Schwelle liegt dort, wo ein Sprachmodell aus dem Prompt schließt, hier solle nichts mehr menschlich passieren.

Dazu kommt die Populationsdifferenz. Wer beruflich Code, Analysen und Dokumente an ein Modell übergibt, produziert Interaktionen, die in jedem Klassifikator direktiver aussehen als eine Suchanfrage im AI Mode.

Beides zusammen erklärt den Faktor 5 plausibel. Was es nicht erklärt, ist, warum die Zahl trotzdem als Aussage über die Arbeitswelt zitiert wird. Sie ist keine. Sie ist eine Eigenschaft der Messung.

Anthropic schreibt diesen Vorbehalt übrigens maschinenlesbar in jede einzelne Datenantwort: Die Anteile beschreiben Konversationsstile, keine Beschäftigungseffekte, und taugen ausdrücklich nicht als Indikator für Automatisierung von Arbeitsplätzen. Das ist der Unterschied zwischen einem Vorbehalt im Methodenanhang und einem Vorbehalt, an dem man nicht vorbeikommt.

Die 86,5 Prozent lösen sich auf

Der zweite große ATLAS-Befund lautet, 86,5 % der konversationellen Nutzung fänden außerhalb der Arbeit statt. Ich hatte in meiner Einordnung der ATLAS-Studie argumentiert, dass diese Zahl definitorisch aufgebläht ist, weil Lernen, Prüfungsvorbereitung und berufliche Weiterbildung bei Google auf der Nichtarbeitsseite landen.

Aus einem Argument wird jetzt eine Messung.

Zwei gestapelte Balken. Google ATLAS teilt die konversationelle Nutzung in 13,5 Prozent Arbeit und 86,5 Prozent Nichtarbeit, wobei Lernen im Nichtarbeitsblock enthalten ist. Der Anthropic Economic Index trennt dieselbe Nutzung in 43,36 Prozent Arbeit, 40,2 Prozent Privatleben und 16,45 Prozent Studium und Lernen.
Arbeit, Privatleben und Lernen – unterschiedliche Kategoriengrenzen – Anthropic führt Studium und Lernen als eigene Kategorie und beziffert sie mit 16,45 Prozent. Genau dieser Anteil steckt bei Google unsichtbar im Nichtarbeitsblock und lässt ihn nach Freizeitnutzung aussehen.

Anthropic führt Studium und Lernen als eigene dritte Kategorie und beziffert sie mit 16,45 % weltweit. Genau der Anteil, der bei Google unsichtbar im Nichtarbeitsblock steckt und ihn nach Freizeit aussehen lässt.

Wer die Zahlen grob angleicht, landet bei Anthropic bei 43,36 % Arbeit gegenüber 13,5 % bei Google. Auch hier bleibt ein erheblicher Rest, der auf die unterschiedlichen Oberflächen zurückgeht – eine Suchmaschine wird nun einmal anders benutzt als ein Arbeitswerkzeug. Aber die Richtung ist eindeutig: Die 86,5 % sind kein Befund über das Privatleben. Sie sind ein Befund über eine Kategoriengrenze.

Breite ist nicht Verteilung

ATLAS betont die Abdeckung: Nutzung in 68 % der detaillierten Berufskategorien, die zusammen für 88,4 % der US-Beschäftigung stehen. Der Anthropic Economic Index hat eine vergleichbare Breite – 718 von 923 erfassten Berufen sind veröffentlicht – publiziert aber zusätzlich die Volumenverteilung. Und die ist brutal schief.

Balkendiagramm mit 15 Berufsgruppen. Computer und Mathematik führt mit 23,8 Prozent, gefolgt von Kunst, Design und Medien mit 13,55 Prozent und Bildung und Bibliothek mit 12,79 Prozent. Manuelle Berufsgruppen liegen deutlich darunter: Produktion 1,04 Prozent, Installation, Wartung und Reparatur 0,62 Prozent, Transport und Logistik 0,34 Prozent, Bau 0,10 Prozent, Land- und Forstwirtschaft 0,04 Prozent.
Anteil der Berufsgruppen an der weltweiten Claude-Nutzung – Breite ist nicht Verteilung: Die drei größten Wissensberufsgruppen stellen zusammen gut die Hälfte des Volumens. Die Anteile beschreiben Gespräche zu berufstypischen Tätigkeiten, nicht Menschen aus diesen Berufen. Quelle: Anthropic Economic Index, Mai 2026.

Die drei größten Wissensberufsgruppen kommen zusammen auf gut die Hälfte des gesamten Volumens. Land- und Forstwirtschaft liegt bei 0,04 %, Bau bei 0,10 %.

Das ist die direkte Ergänzung zu ATLAS‘ Handwerksbefund. Google erzählt, dass auch Kfz- und Industriemechaniker KI nutzen, für Fehlerdiagnose, Schaltpläne und Verschleißerkennung. Das stimmt, und es ist ein interessanter Befund über die kognitive Peripherie manueller Arbeit. Der Economic Index beziffert dieselbe Berufsgruppe mit 0,62 % des Volumens.

Beide Aussagen sind wahr. Nur zusammen ergeben sie ein ehrliches Bild: Ja, es passiert überall. Nein, es passiert nicht überall gleich viel. Wer nur die Breitenmetrik zitiert, verkauft eine Taxonomiekennzahl als Marktdurchdringung.

Eine Lesehilfe, die Anthropic zu Recht mitliefert: Die Anteile beschreiben Gespräche, die einer Tätigkeit zugeordnet wurden, die üblicherweise in dieser Berufsgruppe anfällt. Sie beschreiben nicht Menschen aus diesem Beruf. Wer Claude nach einer Bremsscheibendiagnose fragt, ist nicht zwangsläufig Kfz-Mechaniker.

Was tatsächlich repliziert

Der interessantere Teil ist nicht die Divergenz, sondern die Konvergenz. Drei ATLAS-Befunde halten dem Quervergleich stand.

Das Aufgabenprofil. Google findet, dass nicht-routinemäßige kognitive Tätigkeiten rund 65 % der arbeitsbezogenen Interaktionen ausmachen, obwohl sie nur etwa 35 % des Tätigkeitsuniversums stellen. Die Top-Tasks im Economic Index bestätigen das Muster fast Punkt für Punkt: Recherche in elektronischen Quellen mit 4,95 %, Suche in Referenzmaterialien mit 3,74 %, Beratung zu Produkten und Dienstleistungen mit 2,25 %, IT-Support mit 1,98 %, Programmieren mit 1,47 %. Informationsbeschaffung, Schreiben, Überarbeiten, Beraten – bei zwei Anbietern mit völlig unterschiedlicher Nutzerbasis dasselbe Bild.

Bildung ist überrepräsentiert. ATLAS misst einen rund 5,8-fachen Gesprächsanteil gegenüber dem Zeitanteil. Der Economic Index kommt auf 16,45 % Coursework plus 13,23 % im Themenbereich Bildung und Lernen und 12,79 % in der Berufsgruppe Bildung und Bibliothek. In einzelnen Ländern kippt das Profil vollständig: In Tunesien liegt der Coursework-Anteil bei 51,52 %, in Algerien bei 47,12 %, in Indonesien bei 45,88 %.

Der digitale Graben. Hier ist Anthropics Metrik die sauberere. Googles BIP-Elastizität von etwa 0,9 lässt sich mit dem Economic Index nicht nachrechnen, weil der Datensatz weder BIP- noch Einkommens- noch Beschäftigungsdaten enthält. Was er enthält, ist der Anthropic Usage Index: der Anteil eines Landes an der Nutzung geteilt durch seinen Anteil an der Bevölkerung im Erwerbsalter. 1,0 bedeutet Nutzung exakt proportional zur Bevölkerung.

Balkendiagramm mit zwölf Ländern. Australien führt mit einem Usage Index von 6,4 auf Rang 1, es folgen die Schweiz mit 5,02, Frankreich mit 3,97, die Niederlande mit 3,9 und die USA mit 3,87. Deutschland liegt bei 2,4 auf Rang 26 von 121 Ländern, hinter Österreich mit 2,61. Am unteren Ende stehen Indien mit 0,30, Nigeria mit 0,24 und Tansania mit 0,07.
Anthropic Usage Index im Ländervergleich – Der Index setzt den Nutzungsanteil eines Landes ins Verhältnis zu seinem Anteil an der Bevölkerung im Erwerbsalter; 1,0 bedeutet proportionale Nutzung. Bevölkerungsarme Länder sind dabei begünstigt. Quelle: Anthropic Economic Index, Mai 2026, CC BY 4.0.

Zwischen Australien und Tansania liegt Faktor 91. Das ist derselbe Befund, den Google mit Quintilen beschreibt, nur ohne den Umweg über StatCounter-Korrekturen und Serverstandorte.

Deutschland auf Rang 26

Für den deutschsprachigen Blick ist das die unbequemste Zeile des ganzen Vergleichs: Index 2,40, Rang 26 von 121. Hinter Österreich, hinter Frankreich, hinter den Niederlanden, weit hinter der Schweiz.

Das Nutzungsprofil ist dabei privater und beteiligter als der weltweite Schnitt: 37,62 % Arbeit gegenüber 43,36 % global, dafür 48,73 % Privatnutzung. Und 54,78 % Augmentation gegenüber 51,38 % global – in Deutschland bleiben Menschen häufiger im Prozess, statt zu delegieren.

Eine Einschränkung gehört dazu: Der Index bevorzugt bevölkerungsarme Länder. Australien, Singapur und Luxemburg an der Spitze sind teilweise ein Größeneffekt. Der Abstand zu Österreich und den Niederlanden ist davon aber nicht erklärt.

Was auch der Economic Index nicht kann

Der Quervergleich macht ATLAS nicht schlechter und Anthropic nicht besser. Er zeigt vor allem, wo beide dieselben Grenzen haben.

Beide sind Momentaufnahmen ohne Zeitreihe. Beide sind Beobachtungsstudien ohne Kontrollgruppe und ohne Kausalaussagen. Beide sagen nichts über Ergebnisqualität, Nacharbeit, Fehlerquoten oder Personalbedarf.

Und beide beziffern Zeitersparnis, ohne sie zu messen. Googles 149-Milliarden-Szenario beruht auf einer angenommenen Ersparnis zwischen 0,5 und fünf Prozent. Anthropics Gegenstück lautet, dass Aufgaben, die ein Klassifikator auf rund fünf Stunden Alleinarbeit schätzt, in etwa 40 Minuten Konversation liefen – ausdrücklich deklariert als automatisierte Schätzung aus Gesprächsinhalten, nicht als Messung. Zwei Anbieter, derselbe Zahlentyp, dieselbe Nichtmessung.

Der eigentliche Unterschied ist die Offenheit

Dieser Vergleich existiert nur aus einem Grund: Der Anthropic Economic Index steht unter CC BY 4.0 als offener Datensatz zur Verfügung. ATLAS ist ein PDF.

Google ist bei seinem Report gleichzeitig Dateninhaber, Produktanbieter, Methodenentwickler, Studienautor und Kommunikator der Ergebnisse – ohne Peer Review, ohne DOI, ohne reproduzierbaren Datensatz, ohne Analysecode. Das ist kein Beweis für schlechte Forschung. Es bedeutet nur, dass niemand außer Google die Zahlen prüfen kann.

Genau das ist der Punkt, an dem der Quervergleich seinen Wert entfaltet. Er ersetzt keine unabhängige Replikation. Aber er zeigt an einer einzigen Kennzahl, was passiert, wenn man sie versucht: Die Zahl, die alle beruhigt hat, verfünffacht sich, sobald ein zweiter Anbieter dasselbe Konzept auf seine eigene Weise misst.

Wer ATLAS in Präsentationen, Pitches oder Strategiepapieren verwendet, sollte deshalb nicht die Prozentzahl mitnehmen, sondern den Satz darunter: Beobachtete Nutzung ist keine gemessene Wirkung – und ein Anbieterwert ist keine Branchenkonstante.


Quellen: Google, „AI & Economy ATLAS v1.0“, 23. Juli 2026: https://ai.google/static/documents/GoogleATLASv1.pdf · Anthropic Economic Index, Stand Mai 2026, CC BY 4.0: https://www.anthropic.com/economic-index

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Kai Spriestersbach

Kai Spriestersbach ist KI-Forscher, Autor und Head of AI bei einer Online-Marketing-Agentur. Er hat einen Master of Science in Web-Wissenschaften von der TH Köln und promoviert an der RPTU im Bereich angewandter KI (PhD in CS) und bringt über 20 Jahre SEO-Erfahrung mit. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich GEO sowie der Entwicklung KI-gestützter Tools und Workflows. Er hat mehrere Bücher über künstliche Intelligenz veröffentlicht, unter anderem den Bestseller „Richtig texten mit KI“.
KI-Hinweis: Kai nutzt Claude von Anthropic als Schreibwerkzeug und ChatGPT Pro als Denkhilfe. Alle Inhalte sind von ihm konzipiert, redigiert und auf Korrektheit geprüft.