Weniger Besucher trotz guter Rankings sind ein reales Problem. Doch wer jeden Rückgang auf KI schiebt, übersieht möglicherweise die eigentliche Ursache. Und wer nur den verlorenen Traffic ersetzen will, stellt oft die falsche Investitionsfrage.
Du hast einen Fachartikel geschrieben, ihn über Jahre verbessert und damit eine gute Position bei Google erreicht. Nun beantwortet Google die Frage direkt auf der Ergebnisseite. Dein Artikel steht weiterhin weit oben. Ein Teil der Menschen braucht ihn trotzdem nicht mehr aufzurufen.
Für die Nutzer kann das bequem sein. Für ein Unternehmen, das die Recherche finanziert und mit den Besuchen sein Geschäft aufgebaut hat, verändert es die Rechnung. Der Aufwand für eine gute Informationsquelle bleibt. Der Rückfluss in Form von Aufmerksamkeit, Anfragen oder Werbeerlösen kann sinken.
Ich halte wenig davon, diese Entwicklung mit dem Hinweis abzutun, die verbleibenden Besucher seien eben hochwertiger. Das kann vorkommen. Ob es den Verlust ausgleicht, muss man ausrechnen.
Die Entwicklung der Oberflächen habe ich in meiner Einordnung der Google I/O 2026 beschrieben. Hier interessiert mich die betriebliche Konsequenz: Wie stellst du fest, was bei deiner Website tatsächlich passiert, und welche Investition folgt daraus?
Der Rückgang hat eine belastbare empirische Grundlage
Pew Research untersuchte das Surfverhalten von 900 Erwachsenen in den USA im März 2025. Bei Besuchen auf Google-Ergebnisseiten mit einer KI-Zusammenfassung folgte in acht Prozent der Fälle ein Klick auf ein klassisches Suchergebnis. Ohne Zusammenfassung waren es 15 Prozent. Ein Quellenlink innerhalb der Zusammenfassung wurde bei einem Prozent der entsprechenden Besuche angeklickt. 1
Diese Zahlen sind ernst zu nehmen. Sie stammen aber aus einer Beobachtungsstudie, nicht aus einer zufälligen Zuteilung identischer Suchanfragen. Zudem wurden die Ergebnisseiten nachträglich im April erhoben. Die Untersuchung liefert damit keine pauschale Verlustquote für jede Website und keinen direkten Befund für den deutschen Markt.
Eine Ahrefs-Analyse mit 300.000 Keywords kommt ebenfalls zu einem deutlichen Zusammenhang. Sie vergleicht aggregierte Desktop-Klickraten aus der Search Console für Dezember 2023 und Dezember 2025, mit getrennten Gruppen für Suchanfragen mit und ohne AI Overview. Für Position eins schätzt Ahrefs eine um rund 58 Prozent niedrigere Klickrate gegenüber dem modellierten Verlauf ohne AI Overview. 2
Auch das ist keine Aussage, dass jede betroffene Website 58 Prozent ihres gesamten Traffics verliert. Die Untersuchung betrachtet bestimmte Suchanfragen, Positionen und eine modellierte Vergleichsentwicklung. Solche Unterschiede sind keine akademische Fußnote. Sie entscheiden darüber, ob du die Befunde sinnvoll auf dein Geschäft überträgst.
Die auseinanderlaufenden Kurven sind ein Hinweis
Impressionen bleiben stabil oder steigen, während Klicks sinken: Dieses Muster wird häufig als Erkennungszeichen des KI-bedingten Trafficverlusts präsentiert. Es passt zu einer Antwort, die den Besuch der Quelle überflüssig macht. Eindeutig ist es nicht.
Wenn deine Website plötzlich für mehr Suchanfragen weit hinten erscheint, wachsen die Impressionen möglicherweise ohne zusätzliche Klicks. Verändert sich die Mischung aus Marken- und Informationssuchen, kann die Gesamtklickrate ebenfalls fallen. Anzeigen, Shopping-Ergebnisse, lokale Treffer und veränderte Snippets beeinflussen die Klickverteilung zusätzlich.
Deshalb beginnt eine brauchbare Analyse mit vergleichbaren Einheiten. Ich würde Seiten und Suchanfragen nach Thema und Absicht gruppieren, Markenanfragen separat betrachten und Land sowie Gerät konstant halten. Durchschnittspositionen über die gesamte Website sind dafür zu grob.
Zusätzlich gehört ein Blick auf Messung und Technik dazu. Wurde das Consent-Setup verändert? Fehlt ein Analytics-Tag? Sind Seiten aus dem Index gefallen? Haben sich Weiterleitungen oder Canonicals geändert? Google selbst nennt unter anderem technische Probleme, veränderte Nachfrage, algorithmische Änderungen und Datenanomalien als mögliche Ursachen eines Rückgangs. 3
Wer einen Messfehler mit einer neuen Contentstrategie behandelt, kann sehr viel Geld ausgeben, ohne das Problem zu berühren.
So würde ich den Verdacht prüfen
Für die betroffenen Themen vergleiche ich zunächst gleich lange Zeiträume und, wo saisonal sinnvoll, den Vorjahreszeitraum. Dann schaue ich auf Seiten und Suchanfragen, die in beiden Perioden relevant waren. So verringere ich das Risiko, nur einen veränderten Themenmix zu messen.
Danach überprüfe ich für eine repräsentative Auswahl wiederholt die tatsächlichen Ergebnisseiten: Erscheint eine KI-Antwort? An welcher Stelle? Welche anderen Elemente verdrängen organische Treffer? Ist die gesuchte Information bereits vollständig beantwortet? Die Beobachtung muss zu Land und Gerät der ausgewerteten Daten passen.
Die 2026 eingeführten Berichte der Search Console zu generativen Funktionen ergänzen das Bild um ausgewiesene Impressionen. Sie dürfen allerdings nicht als zusätzliche Impressionen auf die Gesamtwerte aufgeschlagen werden: Google erklärt, dass diese Daten dort bereits enthalten sind. 4
Verdächtig wird der Zusammenhang, wenn die Klickrate in vergleichbaren betroffenen Segmenten nach dem Auftauchen der Antwort sinkt, während sich passende Vergleichssegmente anders entwickeln. Ein sauberer Vorher-nachher-Vergleich mit Kontrollen stärkt den Befund. Vollständig isolieren lässt sich der Einfluss im offenen Suchmarkt oft trotzdem nicht.
Das Ergebnis darf deshalb lauten: Ein erheblicher Teil des Rückgangs passt zur veränderten Ergebnisseite; für diesen Anteil haben wir gute Indizien. Das ist fachlich belastbarer als eine auf die Nachkommastelle ausgerechnete KI-Schadenssumme.
Entscheidend ist, welches Geschäft mit den Klicks verschwindet
Ein fiktiver Vergleich zeigt die Grenze des Qualitätsarguments. Eine Website erhält zunächst 100.000 Besuche mit einer Conversion-Rate von einem Prozent. Das ergibt 1.000 Conversions. Später bleiben 60.000 Besuche, die Conversion-Rate steigt auf 1,5 Prozent. Es entstehen 900 Conversions.
Die verbliebenen Besuche konvertieren besser. Das Gesamtergebnis ist trotzdem um zehn Prozent gesunken. Ob der wirtschaftliche Schaden größer oder kleiner ausfällt, hängt zusätzlich vom Auftragswert, der Marge und der Qualität der Abschlüsse ab.
Andersherum kann ein deutlicher Trafficverlust wirtschaftlich überschaubar bleiben, wenn fast ausschließlich beiläufige Informationsbesuche wegfallen. Auch dann sollte man mögliche spätere Effekte auf Bekanntheit und Wiederkehrer prüfen. Aber ein verlorener Besuch auf einer allgemeinen Definition hat nicht automatisch denselben Wert wie ein verlorener Besuch auf einer Produktvergleichsseite.
Für Publisher, die Informationsbesuche unmittelbar über Werbung finanzieren, liegt das Problem anders als für einen spezialisierten B2B-Anbieter. Ihnen pauschal zu raten, sich einfach über die Markenwirkung der Zitation zu freuen, geht an ihrem Geschäftsmodell vorbei.
Inhalte brauchen einen überprüfbaren Zweck
Nach der Diagnose würde ich das Portfolio neu bewerten. Welche Inhalte ermöglichen weiterhin qualifizierte Nachfrage? Welche liefern einen wichtigen Beitrag zu Vertrauen oder Kundenservice? Welche existieren vor allem deshalb, weil einfache Informationssuchen früher viele Besuche brachten?
Eine Seite über durchschnittliche Kosten kann beispielsweise um einen nachvollziehbaren Rechner, echte Projektdaten oder eine transparente Leistungsabgrenzung ergänzt werden. Ein Produktvergleich kann eigene Tests und belastbare Ausschlusskriterien enthalten. Solche Inhalte geben Menschen einen konkreten Grund, die Quelle zu öffnen und weiterzuarbeiten.
Das ist keine Garantie gegen Zusammenfassungen. Auch ein Rechner kann nachgebaut und ein Datensatz verarbeitet werden. Ein Tool ist nur dann eine sinnvolle Investition, wenn seine Funktion, Daten oder Einbindung einen Wert liefern, den die allgemeine Antwort nicht gleichwertig ersetzt. Ein Textgenerator in einer hübschen Box erfüllt diese Bedingung nicht automatisch.
Zugleich würde ich direkte Beziehungen stärken: ein Newsletter mit klarem fachlichem Nutzen, wiederkehrende Nutzung einer hilfreichen Anwendung oder ein regelmäßiger Austausch mit bestehenden Kunden. Ein E-Mail-Feld ohne überzeugenden Grund für die Anmeldung macht aus einem flüchtigen Besuch noch keine Beziehung.
Bevor du dafür einen neuen Contentplan aufsetzt, lohnt sich die Prüfung deiner wichtigsten vorhandenen Seiten. Mein Leitfaden „Content für KI-Suche optimieren“ beginnt bei der konkreten Kundenentscheidung und führt durch die Prüfung von Aussagen und Belegen. Das ist auch ein brauchbarer Ausgangspunkt für ein Portfolio, dessen bisherige Traffic-Rechnung nicht mehr aufgeht.
Auch Kanaldiversifikation braucht eine Hypothese. Ein Fachformat kann über Partnerschaften, einen passenden Newsletter oder eine bestehende Community zusätzliche Menschen erreichen. Fünf neue Social-Media-Kanäle ohne Ressourcen verteilen zunächst nur die Überforderung.
Für mich lautet die strategische Aufgabe deshalb: den wirtschaftlichen Beitrag jedes Inhalts neu verstehen und Abhängigkeiten gezielt reduzieren. Vielleicht verdient ein Thema mehr Investition. Vielleicht wird eine Seite nur noch gepflegt. Vielleicht ist es vernünftig, die Produktion austauschbarer Ratgeber einzustellen.
Die Entscheidung sollte sich daran orientieren, welche Wirkung dein Unternehmen braucht. Gute Rankings bleiben wertvoll. Sie sind nur kein ausreichender Beleg mehr dafür, dass die alte Rechnung weiterhin aufgeht.
Wenn unklar ist, welche Ursache hinter euren veränderten Zugriffen steckt, unterstütze ich euch mit einer SEO/GEO-Analyse und Strategie. Wir grenzen die Frage anhand eurer Such-, Inhalts- und Anfragedaten ein und priorisieren die nächsten Untersuchungen und Maßnahmen.
Quellen
- Pew Research Center · Google users are less likely to click on links when an AI summary appears in the results · 22. Juli 2025 ↩︎
- Ryan Law · Update: AI Overviews Reduce Clicks by 58% · 4. Februar 2026 ↩︎
- Google Search Central · Debugging drops in Google Search traffic ↩︎
- Google Search Central · Introducing Search Generative AI performance reports in Search Console · aktualisierte Ankündigung ↩︎
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