Der Fall DuMont zeigt, wie leicht sich eine gefüllte Zeitungsseite mit einer erbrachten journalistischen Leistung verwechseln lässt. Für mich war dieses Risiko absehbar. Es betrifft weit mehr als Lokalredaktionen.
Ein Bericht über ein Reitprojekt an einer Siegburger Schule, wesentliche Angaben falsch oder veraltet, zwei Tage später eine umfangreiche Korrektur. Dazu ein Foto von Hühnern. Annika Schneider hat diesen Fall für Übermedien dokumentiert. Er steht am Anfang ihrer Recherche über die neuen lokalen Produktionsstrukturen bei DuMont.1
Das klingt wie eine weitere Geschichte über halluzinierende KI. Genau diese Erklärung wäre mir zu bequem. Ob der konkrete Schulartikel von einer KI formuliert wurde und wie seine Fehler entstanden, ist anhand der vorliegenden Berichte nicht eindeutig nachgewiesen. Belegt sind der Umbau, der angekündigte KI-Einsatz und die berichteten Qualitätsprobleme.
Mich beschäftigt die Entscheidung dahinter: Was bleibt von einer journalistischen Leistung übrig, wenn man ihre sichtbaren Ergebnisse weiterproduziert, aber die Menschen mit ihrem Wissen und ihren Beziehungen verliert?
Was DuMont versprochen hat
Die Rheinische Redaktionsgemeinschaft stellte ihre Tätigkeit zum 30. September 2026 ein. Laut Unternehmensangaben waren 57 Vollzeitstellen betroffen. Digitale Regio-Teams sollen Inhalte für verschiedene Ausspielwege erstellen; KI soll wiederkehrende Produktionsschritte übernehmen. Das erklärte Ziel: redaktionelle Ressourcen für Recherche, Einordnung und Berichterstattung vor Ort gewinnen. Umfang, eigene Lokalteile und Zustellung der Zeitungen sollten erhalten bleiben.2
Das wäre ein sinnvolles Ziel. Weniger Handarbeit bei der Aufbereitung kann mehr Zeit für journalistische Arbeit schaffen. Entscheidend ist, ob die gewonnene Zeit tatsächlich dort ankommt.
MEEDIA berichtet nach der Umstellung über Personalnot und Qualitätsprobleme. Der Verlag hält dem gegenüber, dass journalistische Entscheidungen und die Prüfung vor Veröffentlichung weiterhin bei Menschen liegen.3
Zugegeben, es ist vielleicht zu früh für eine vollständige Bilanz des Umbaus, aber die dokumentierten Fälle sind aus meiner Sicht ein ernstes Warnsignal. Das Versprechen zusätzlicher Recherchekapazität muss sich an tatsächlicher Recherche messen lassen!
Ein Artikel ist das Ergebnis einer Arbeit
Wir können zählen, wie viele Texte eine Redaktion veröffentlicht. Wir können ihre Länge messen, Produktionszeiten vergleichen und Kosten pro Seite berechnen. Ein Sprachmodell sieht in dieser Rechnung schnell nach einem gewaltigen Produktivitätssprung aus.
Die entscheidende Frage fehlt: Welche Arbeit musste geschehen, damit diese Texte überhaupt etwas wert sind?
Lokaljournalismus braucht Menschen, die wissen, welche Behauptung schon seit Jahren herumgereicht wird und bei welcher Beschlussvorlage sich ein zweiter Blick lohnt. Er braucht Kontakte zu Menschen, die ihre Geschichte keiner Pressestelle erzählen. Er braucht jemanden, der eine Auskunft überprüft, eine unbequeme Nachfrage stellt und auch dann weiterrecherchiert, wenn es dafür noch kein fertiges Dokument gibt.
Ein großer Teil davon ist im fertigen Artikel kaum sichtbar. Man liest ihm nicht an, wie viele Telefonate nötig waren, welche Sackgasse geprüft wurde und welche naheliegende Behauptung sich als falsch erwiesen hat.
Wer nur Texte als Ergebnis betrachtet, unterschätzt leicht die Arbeit, die aus einem Text eine verlässliche Information macht.
Arbeitsplätze lassen sich streichen. Ihre Funktion bleibt eine andere Frage.
Ich halte nichts von der beruhigenden Behauptung, KI werde grundsätzlich keine Arbeitsplätze ersetzen. Natürlich können automatisierte Tätigkeiten den Personalbedarf verändern. Auch Redaktionen müssen ihre Abläufe nicht für alle Zeit konservieren.
Eine gestrichene Stelle beweist allerdings noch lange nicht, dass ihre bisherige Leistung gleichwertig ersetzt wurde!
Eine Zeitung kann weiterhin erscheinen, obwohl weniger unabhängig recherchierte Information in ihr steckt. Die Seiten sind gefüllt, die Zustellung funktioniert, die Kosten sinken. Als Produktionskennzahlen sieht das gut aus. Für Leserinnen und Leser kann trotzdem etwas Wesentliches fehlen.
Genau dieses Risiko halte ich für absehbar: Eine Organisation optimiert auf das, was sie kurzfristig leicht messen kann, und verliert etwas, dessen Wert erst auffällt, wenn es nicht mehr da ist.
Das rechtfertigt keine pauschale Aussage, jeder Fehler nach einer Umstellung sei durch KI verursacht. Es verpflichtet aber dazu, das Ergebnis der Umstellung an der eigentlichen Aufgabe zu prüfen.
Vorhandene Informationen verarbeiten ersetzt keine unabhängige Recherche
Ich kann mir sehr nützliche KI-Anwendungen für Lokalredaktionen vorstellen: Ratsunterlagen erschließen, Änderungen in Haushaltsplänen markieren, Dokumente vergleichen, Transkripte erstellen und mögliche Rechercheansätze vorsortieren.
Das sind mögliche Arbeitsweisen, keine hier nachgewiesenen Erfolge einer konkreten Redaktion.
Ihr Wert entsteht, wenn Journalistinnen und Journalisten die Hinweise weiterverfolgen können. Wer klärt, was in den Unterlagen fehlt? Wer spricht mit Betroffenen? Wer prüft eine offizielle Darstellung an der Realität?
Aus einer Pressemitteilung einen lesbaren Text zu machen, kann nützliche Produktionsarbeit sein. Eine zusätzliche unabhängige Perspektive entsteht dadurch noch nicht.
Wenn wir Menschen einsparen, die solche Perspektiven und neue Informationen erschließen, können wir den Durchsatz erhöhen und zugleich die Informationsgrundlage schwächen. Mehr veröffentlichter Text wäre dann ein schlechter Maßstab für besser informierte Menschen.
Menschliche Kontrolle braucht Zeit und Wissen
Der Deutsche Presserat hat 2024 ausdrücklich bekräftigt, dass die presseethische Verantwortung auch für künstlich erzeugte redaktionelle Inhalte bei den Redaktionen liegt.4
Diese Verantwortung lässt sich nicht dadurch erfüllen, dass am Ende formal jemand auf „Freigeben“ klickt.
Wer einen Text prüfen soll, braucht Zeit, Zugang zu Quellen und ausreichend Wissen, um die richtigen Zweifel zu entwickeln. Fehlt eines davon, kann aus Prüfung eine bloße Plausibilitätskontrolle werden: Klingt das stimmig? Ist der Text verständlich? Passt die Überschrift?
Ein flüssig formulierter Fehler kann alle drei Fragen bestehen.
In meinem Beitrag über die KI als vermeintliche Kollegin habe ich diese Grenze bereits diskutiert. Ein Mensch im Prozess macht aus dem Prozess noch kein tragfähiges Kontrollsystem.
Ortskenntnis lässt sich zudem nicht nachträglich einschalten. Wer nicht weiß, dass eine Zusammenarbeit längst beendet wurde, hat möglicherweise keinen Anlass, die entsprechende Aussage überhaupt zu überprüfen.
Woran ich einen sinnvollen KI-Einsatz messen würde
Mein Maßstab wäre, ob die Redaktion ihren Auftrag besser erfüllen kann.
Entstehen mehr eigene Recherchen? Gibt es mehr Zeit für Nachfragen und Präsenz vor Ort? Werden Fehler schneller entdeckt und nachvollziehbar korrigiert? Erreichen wichtige Informationen die Menschen, die sie betreffen?
Auch Kosten und Geschwindigkeit gehören in diese Bewertung. Sie dürfen die Qualitätsfrage nicht ersetzen.
Eine Redaktion kann ihre Produktion verschlanken und journalistische Arbeit stärken. Das setzt voraus, dass sie die frei werdenden Ressourcen tatsächlich dafür einsetzt. Bleibt am Ende nur mehr zu prüfender Text pro Person, ist die Entlastung zumindest erklärungsbedürftig.
Der Denkfehler reicht weit über Zeitungen hinaus
Dieselbe Frage stellt sich überall dort, wo Unternehmen Arbeit auf ihre sichtbaren Ergebnisse reduzieren: Berichte, Angebote, Antworten auf Kundenanfragen oder fertigen Code.
In diesen Ergebnissen steckt häufig Arbeit, die keine eigene Position in der Produktivitätsrechnung hat: Kontext klären, Widersprüche bemerken, Erwartungen abstimmen, Verantwortung übernehmen und rechtzeitig erkennen, dass die gestellte Aufgabe am eigentlichen Problem vorbeigeht.
Das macht bestehende Strukturen nicht unantastbar. Es macht eine gründliche Analyse ihrer Funktion notwendig.
Bevor ich entscheide, welche Menschen ich durch KI ersetzen kann, muss ich verstehen, welche Leistung ich anschließend noch zuverlässig erbringen will.
Beim Journalismus ist diese Leistung gesellschaftlich besonders wichtig. Eine Zeitung braucht nicht möglichst viele Sätze, sondern relevante, geprüfte und unabhängig gewonnene Information.
Deshalb will ich KI dort einsetzen, wo sie journalistische Arbeit stärkt. Das Ziel sollte sein, dass Menschen besser recherchieren und einordnen können. Eine gefüllte Seite allein ist dafür kein Beleg.
Quellen
- Annika Schneider: „Lokaljournalismus, der keine Lokaljournalisten mehr braucht“, Übermedien, 20.10.2026. https://uebermedien.de/121805/lokaljournalismus-der-keine-lokaljournalisten-mehr-braucht/ ↩︎
- BDZV: „Kölner Stadt-Anzeiger Medien stellen Regionalproduktion um“, 25.08.2026, Wiedergabe der Unternehmensangaben. https://www.bdzv.de/service/presse/branchennachrichten/2026/koelner-stadt-anzeiger-medien-stellen-regionalproduktion-um ↩︎
- Henning Kornfeld: „Personalnot, Qualitätsverluste und offene Fragen zur KI“, MEEDIA, 19.10.2026. https://meedia.de/news/beitrag/25261-personalnot-qualitaetsverluste-und-offene-fragen-zur-ki.html ↩︎
- Deutscher Presserat: „Redaktionen auch für KI-generierte Inhalte ethisch verantwortlich“, 18.09.2024. https://www.presserat.de/presse-nachrichten-details/redaktionen-auch-fuer-ki-generierte-inhalte-ethisch-verantwortlich.html ↩︎
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