Wie stark KI-Empfehlungen schwanken: Was die SparkToro-Studie für GEO zeigt

Von Kai Spriestersbach

Wer heute in AI-Visibility-Tracking investiert, sollte vorher die Grundlagenforschung kennen. Eine neue Studie von Rand Fishkin (SparkToro) und Patrick O’Donnell (Gumshoe.ai) liefert erstmals belastbare Daten zur Konsistenz von Markenempfehlungen in ChatGPT, Claude und Google AI. Die Ergebnisse sind ernüchternd — und gleichzeitig aufschlussreich.

Screenshot der Studie: Wenn man ChatGPT 100 Mal nach Markenempfehlungen fragt, wie viele unterschiedliche Antworten erhält man? Gezeigt wird ein ChatGPT-Interface mit einem Beispiel-Prompt zu Kochmessern.
Die zentrale Frage der SparkToro-Studie: Wie konsistent sind KI-Markenempfehlungen bei wiederholter Abfrage? (Quelle: SparkToro / Gumshoe.ai)

Das Experiment

600 Freiwillige gaben 12 identische Prompts jeweils 60–100 Mal in die drei meistgenutzten KI-Tools ein: ChatGPT, Claude und Google Search AI (Overviews bzw. AI Mode). Insgesamt wurden 2.961 Antworten erfasst, normalisiert und statistisch ausgewertet. Die Prompts deckten verschiedene Branchen und Kategoriengrößen ab — von Kochmessern über Kopfhörer bis hin zu Krebskliniken und Digital-Marketing-Beratungen.

Die methodische Grundlage bildete die Carnegie-Mellon-Studie „Estimating LLM Consistency“, deren Pairwise-Correlation-Metriken für die Analyse übernommen wurden. Die Rohdaten sind öffentlich verfügbar.

Allein bei der Frage nach Kochmessern für Hobbyköche produzierte ChatGPT eine erstaunliche Vielfalt an Marken und Modellen — mit teils über 40 verschiedenen Empfehlungen in der Gesamtauswertung:

Tabelle mit über 40 verschiedenen Kochmesser-Marken, die ChatGPT bei wiederholter Abfrage empfohlen hat, inklusive Ranking-Positionen und Gesamtnennungen. Mac Mth-80 führt mit 61 Nennungen, gefolgt von Global G-2 und Victorinox Fibrox Pro mit je 57.
Die Vielfalt der ChatGPT-Antworten auf eine einzige Kochmesser-Frage: Über 40 verschiedene Marken und Modelle bei wiederholter Abfrage (Quelle: SparkToro / Gumshoe.ai)

Die Kernbefunde

Nahezu jede Antwort ist ein Unikat. Stellt man einem KI-Tool hundertmal dieselbe Frage nach Markenempfehlungen, unterscheiden sich die Antworten in drei Dimensionen: welche Marken genannt werden, in welcher Reihenfolge sie erscheinen und wie viele Empfehlungen die Liste überhaupt enthält.

Die folgende Grafik zeigt, wie viele einzigartige Marken die drei KI-Tools über alle 12 Prompt-Kategorien hinweg nannten. In breiten Kategorien wie Science-Fiction-Romanen oder Nutrition Accounts auf Social Media explodierten die Zahlen — in engen Märkten wie LA-Volvo-Händlern blieben sie überschaubar:

Balkendiagramm: Anzahl einzigartiger Marken pro Kategorie für ChatGPT (grün), Claude (orange) und Google AI (blau). SciFi-Romane erreichen über 200 einzigartige Nennungen, LA-Volvo-Händler unter 20. Pink markierte Punkte zeigen die durchschnittliche Anzahl Empfehlungen pro Antwort.
Anzahl einzigartiger Marken pro Kategorie und KI-Tool — je breiter die Kategorie, desto größer die Streuung (Quelle: SparkToro / Gumshoe.ai)

Listenidentität unter 1 %. Die Wahrscheinlichkeit, dass ChatGPT oder Google AI bei zwei beliebigen Durchläufen dieselbe Markenliste zurückgibt, liegt unter 1:100. Claude produziert minimal häufiger identische Listen (1,65 %), variiert dafür die Reihenfolge noch stärker (0,07 % Übereinstimmung):

Balkendiagramm zur Konsistenz der drei KI-Tools: ChatGPT liefert in 0,74 % der Fälle dieselbe Markenliste, Claude in 1,65 %, Google AI in 0,81 %. Die Wahrscheinlichkeit identischer Reihenfolge liegt bei ChatGPT bei 0,10 %, Claude bei 0,07 % und Google AI bei 0,28 %.
Unter 1 % Chance auf identische Listen — und nahe null für identische Reihenfolge. Ranking-Positionen in KI-Antworten sind in dieser Auswertung stark variabel. (Quelle: SparkToro / Gumshoe.ai)

Reihenfolge in den Tests stark variabel. Dieselbe Reihenfolge zweimal zu erhalten, hat eine Wahrscheinlichkeit von etwa 1:1.000. Wer also „Ranking-Positionen in KI“ trackt, muss die Streuung berücksichtigen.

Listenlänge variiert unkontrolliert. Manche Antworten enthalten zwei bis drei Empfehlungen, andere zehn oder mehr — bei identischem Prompt.

Aber: Visibility-Prozente haben Substanz

Fishkins Ausgangshypothese war, dass AI-Tracking grundsätzlich nutzlos sei. Diese Hypothese wurde teilweise widerlegt. Denn obwohl Listen, Reihenfolge und Umfang massiv schwanken, zeigt sich über viele Durchläufe hinweg ein stabiles Muster: Bestimmte Marken tauchen konsistent häufiger auf als andere.

Die folgende Grafik zeigt für alle 12 Kategorien und drei KI-Tools, wie oft die jeweils am häufigsten, zweithäufigsten und dritthäufigsten genannten Marken in den Antworten auftauchten:

Gestapeltes Balkendiagramm für alle 12 Prompt-Kategorien und drei KI-Tools: Zeigt die absoluten Nennungen der Top-1-, Top-2- und Top-3-Marken pro Kategorie. In engen Märkten wie Cloud Computing oder LA Volvos dominieren wenige Marken mit hohen Nennungszahlen.
Trotz zufälliger Listen und Reihenfolgen: Die meistgenannten Marken erscheinen über Dutzende Durchläufe hinweg konsistent häufiger als andere (Quelle: SparkToro / Gumshoe.ai)

Beispiel: Bei der Frage nach Digital-Marketing-Beratungen mit E-Commerce-Expertise erschien die Agentur Smartsites in 85 von 95 Google-AI-Antworten. City of Hope tauchte bei der Frage nach den besten Krebskliniken an der US-Westküste in 69 von 71 ChatGPT-Antworten auf — eine Sichtbarkeit von 97 %. Aber: Nur in 25 dieser 71 Antworten war City of Hope auch die erstgenannte Empfehlung.

Balkendiagramm der ChatGPT-Visibility für Top-, Zweit- und Drittplatzierte Marken über alle 12 Kategorien. Hervorgehoben: City of Hope Hospital erscheint in 69 von 71 Antworten (97 %), war aber nur in 25 davon die erstgenannte Empfehlung. Cloud Computing zeigt die höchste Visibility über alle drei Positionen.
Im untersuchten Testset in 97 % der Antworten genannt, aber nur in etwa einem Drittel dieser Nennungen erstplatziert: Nennungshäufigkeit und Position innerhalb der Antwort sind unterschiedliche Beobachtungen. Die Variation belegt keine vollständige Zufallserklärung. (Quelle: SparkToro / Gumshoe.ai)

Die Nennungshäufigkeit ist im definierten Testset messbar. Belastbarkeit hängt von Stichprobe, Unsicherheitsintervall, Promptauswahl und zeitlicher Stabilität ab; sie ist keine Schätzung der Sichtbarkeit bei allen Nutzern.

Kategoriegröße bestimmt Varianz

Die Studie zeigt einen klaren Zusammenhang zwischen der Breite einer Kategorie und der Streuung der Ergebnisse. Die Konsistenz variiert stärker zwischen Branchen als zwischen KI-Tools — ein zentraler Befund:

Kombiniertes Balken- und Punktdiagramm: Pairwise Consistency Rate (Balken) und durchschnittliche Rang-Differenz (pinke Punkte) für alle Kategorien, aufgeteilt nach ChatGPT, Claude und Google AI. Cloud Computing zeigt die höchste Konsistenz (70–85 %), Nutrition Accounts und SciFi Novels die niedrigste. Ein blauer Pfeil verdeutlicht: Die Konsistenz variiert stärker zwischen Sektoren als zwischen Tools.
Entscheidender als das Tool ist die Marktbreite: Cloud Computing zeigt 70–85 % Konsistenz, fragmentierte Kategorien fallen auf unter 15 % (Quelle: SparkToro / Gumshoe.ai)

In engen Märkten mit wenigen relevanten Anbietern — etwa Cloud-Computing-Anbieter für SaaS-Startups — liegt die Pairwise-Konsistenzrate bei 70–85 %. In breiten Kategorien wie Science-Fiction-Romanen oder Branding-Agenturen fällt sie auf unter 15 %. Die KI hat schlicht mehr Optionen zur Auswahl, was die Streuung erhöht. Für GEO bedeutet das: Je fragmentierter der Markt, desto schwieriger ist es, konsistente Sichtbarkeit zu erreichen — und desto wichtiger wird eine systematische Strategie.

Das Prompt-Problem

Ein zweiter Teil der Studie untersuchte, wie echte Menschen Prompts formulieren. 142 Teilnehmer schrieben Prompts mit derselben Intention (Kopfhörer-Empfehlung für ein reisendes Familienmitglied). Die semantische Ähnlichkeit zwischen den Prompts lag bei 0,081 — extrem niedrig. Die Heatmap visualisiert diese Dissimilarität eindrücklich:

Heatmap der semantischen Ähnlichkeit von 142 menschlichen Prompts mit identischer Intention (Kopfhörer-Empfehlung). Die Matrix ist fast durchgehend dunkelviolett, was extrem niedrige Ähnlichkeit signalisiert. Durchschnittliche Pairwise-Similarity: 0,0809, Median: 0,0592. Fazit: Selbst bei identischem Ziel formulieren Menschen radikal unterschiedliche Prompts.
142 Menschen, eine Intention, nahezu null Übereinstimmung in der Formulierung: Die Heatmap zeigt, wie unterschiedlich reale Nutzer ihre KI-Prompts schreiben (Quelle: SparkToro / Gumshoe.ai)

Trotzdem: Die KI-Tools erkannten die zugrunde liegende Intention zuverlässig und lieferten über 994 Antworten hinweg ein konsistentes Set an Top-Marken. Gumshoe ließ alle 142 einzigartigen Prompts durch ihr System laufen — das Ergebnis bestätigte die Befunde der kontrollierten Studie:

Screenshot des Gumshoe-Dashboards mit Visibility-Prozenten für Kopfhörer-Marken, basierend auf 142 menschlichen Prompts und 994 KI-Antworten. Sony führt mit 87 % Visibility (867/994), gefolgt von Bose mit 77 %, Sennheiser mit 58 % und Apple mit 55 %. JBL liegt bei 15 %, Jabra bei 12 %.
Intent überlebt Prompt-Varianz: Trotz radikal unterschiedlicher Formulierungen erkennen KI-Tools die Absicht und liefern ein stabiles Marken-Set — Sony 87 %, Bose 77 %, Sennheiser 58 % (Quelle: SparkToro / Gumshoe.ai)

Intent überlebt Prompt-Varianz. Die Tools sind besser im Erkennen der Absicht als im konsistenten Formatieren der Antwort.

Auch über die Zeit hinweg bleiben die Visibility-Prozente relativ stabil, selbst wenn die konkreten Listen und Positionen sich bei jedem Durchlauf ändern:

Liniendiagramm der Brand Visibility History über fünf Runs innerhalb einer Stunde für Branding-Agenturen. Die Linien zeigen einzelne Marken wie Pentagram, Crate47, Landor und Fitch. Trotz Schwankungen bei einzelnen Runs bleiben die relativen Sichtbarkeitswerte der Marken zueinander stabil.
Positionen schwanken, Proportionen bleiben: Die Visibility-Prozente einzelner Marken sind über mehrere Durchläufe hinweg relativ stabil (Quelle: SparkToro / Gumshoe.ai)

Was das für GEO-Strategien bedeutet

1. Einzelpositionen vorsichtig bewerten. Die Studie zeigt starke Variation im getesteten Set. Das macht eine einzelne „Platz1“-Aussage schwach; es beweist nicht, dass Positionen unter jeder Fragestellung bedeutungslos sind. Nennungsanteile sind eine ergänzende Messgröße, keine universelle Erfolgskennzahl.

2. Visibility-Tracking braucht Volumen. Eine einzelne Stichprobe beschreibt nur diesen Abruf, keine stabile Verteilung. Fishkin empfiehlt mindestens 60–100 Durchläufe pro Prompt, um belastbare Daten zu erhalten. Anbieter von AI-Tracking-Tools sollten ihre Methodik offenlegen und statistisch validieren.

3. Intent-Orientierung schlägt Keyword-Optimierung. Weil Nutzer ihre Prompts radikal unterschiedlich formulieren, die KI-Tools aber die Intention zuverlässig erkennen, muss GEO auf Intent-Cluster statt auf einzelne Formulierungen optimieren.

4. Marktbreite als Hypothese prüfen. Die untersuchten Kategorien streuen unterschiedlich. Daraus folgt keine bewiesene Maßnahme für mehr Trainingspräsenz oder Nennungen; geeignete Maßnahmen müssen separat getestet werden.

5. Anbieter-Transparenz einfordern. Bevor Budget in AI-Tracking fließt, sollten Unternehmen folgende Fragen stellen: Wie oft wird jeder Prompt ausgeführt? Wird die Methodik öffentlich dokumentiert? Wie wird mit der dokumentierten Varianz umgegangen? Werden Ranking-Positionen berichtet (die laut Forschung bedeutungslos sind)?

Einordnung und offene Fragen

Die SparkToro-Studie ist die erste öffentliche Untersuchung dieser Art — und sie ist methodisch transparent. Fishkin und O’Donnell veröffentlichen Rohdaten, Prompts und Methodik. Gleichzeitig bleiben Fragen offen:

  1. API vs. Web-Interface: Erste Hinweise deuten darauf hin, dass API-Antworten sich von Interface-Antworten unterscheiden könnten. Das ist relevant, weil die meisten Tracking-Tools über APIs arbeiten.
  2. Zeitliche Stabilität: Die Daten stammen aus November/Dezember 2025. Ob Visibility-Werte über Monate hinweg stabil bleiben, ist ungeklärt.
  3. Stichprobengröße: Für eine vollwertige statistische Absicherung wären deutlich größere Samples nötig.
  4. Modell-Updates: Wie sich Modell-Aktualisierungen auf die Visibility einzelner Marken auswirken, wurde nicht untersucht.

Ausblick: Weitere Forschung in Vorbereitung

Die SparkToro-Studie ist ein wichtiger erster Schritt — aber sie kratzt erst an der Oberfläche. In unserer Research Group an der RPTU Kaiserslautern-Landau bereitet aktuell ein Doktorand eine groß angelegte wissenschaftliche Studie vor, die genau diese Fragestellungen systematisch untersucht. Denn neben den von Fishkin und O’Donnell betrachteten Variablen gibt es weitere Faktoren, die die Konsistenz und Zusammensetzung von KI-Empfehlungen beeinflussen und bislang nicht erfasst wurden.

Ohne zu viel vorwegzunehmen: Wir setzen an mehreren Stellen an, an denen die SparkToro-Studie designbedingt Grenzen hat. Das Panel aus menschlichen Freiwilligen war für eine explorative Studie sinnvoll, limitiert aber Reproduzierbarkeit und Skalierung. Unsere Studie wird auf technisch automatisierten Testläufen basieren, mit deutlich höheren Stichprobengrößen und einer breiteren Abdeckung an Plattformen über die drei US-Marktführer hinaus. Zudem planen wir eine Anbindung an den existierenden akademischen Forschungsstand — etwa durch den Rückgriff auf etablierte Prompt-Kataloge aus Benchmarks wie GEO-Bench —, um die Ergebnisse in den wissenschaftlichen Diskurs einordnen zu können.

Ich werde hier in den kommenden Monaten deutlich mehr in diese Richtung berichten.

Fazit

Die Studie zeigt variable Empfehlungen in den untersuchten Bedingungen. „Zufall“ wäre als vollständige Erklärung zu stark: Modell, Prompt und Quellen beeinflussen das Ergebnis. Wiederholungen helfen, diese Streuung zu beschreiben.

Für Unternehmen bedeutet das: Nicht die Position in einer einzelnen Antwort entscheidet, sondern die systematische Präsenz in den Datenquellen, aus denen KI-Modelle ihre Empfehlungen generieren. Genau das ist der Kern von Generative Engine Optimization.

Quelle: Fishkin, R. & O’Donnell, P. (2026). „NEW Research: AIs are highly inconsistent when recommending brands or products.“ SparkToro Blog, 27. Januar 2026. sparktoro.com

Alle Grafiken: © SparkToro / Gumshoe.ai — verwendet mit Quellenangabe zu Analysezwecken.

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Kai Spriestersbach

Geschrieben von

Ich bin Kai Spriestersbach, M.Sc. in Web Science. Ich verbinde Forschung zu generativer KI mit Erfahrung als Head of AI, technischer Entwicklung und unternehmerischer Praxis.

Mit AFAIK unterstütze ich Unternehmen und Investoren bei KI-Strategie, der Prüfung technischer und wirtschaftlicher Annahmen sowie vereinbarter Entwicklung. Auf AFAIK teile ich wissenschaftliche Quellen, technische Erfahrungen und nachvollziehbare Einschätzungen – mit ihren Möglichkeiten, Grenzen und offenen Fragen.

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